Trauer

… und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war. (Hiob 2,13)

Bericht über ein Projekt niedrigschwelliger, alltagsnaher, nachgehender
Trauerbegleitung im Ambulanten Palliativdienst des Hospiz Luise in Hannover

Werden sterbenskranke Menschen und ihre Angehörigen in einem Hospiz, einer Palliativstation oder von einem Hospiz- und Palliativdienst betreut, haben sie rund um das Sterben des Patienten gute professionelle und mitmenschliche Unterstützung. Viele unterschiedliche Dienste kommen abwechselnd ins Haus. Unmittelbar nach dem Tod müssen die Angehörigen die Bestattung organisieren, Nachbarn, Angehörige, Betreuungspersonen kommen und kondolieren. Hinterbliebene erleben sich in dieser Zeit häufig wie neben sich stehend, sie „funktionieren“ und staunen selbst darüber, die Ereignisse erleben sie als unwirklich wie in einem Film. Wenn alles Organisatorische erledigt ist und der Schmerz des Verlustes spürbar wird, ist die Umwelt häufig zur Tagesordnung übergegangen und signalisiert, dass das Leben nun langsam `normal´ weitergehen sollte. Die Professionellen haben die Betreuung, , abgeschlossen, und haben sich neuen „Fällen“ zugewandt. Waren Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung engagiert, begleiten sie u. U. die Angehörigen auch nach dem Tod, doch diese Trauerbegleitung ist oft von Zufällen abhängig. So kann es geschehen, dass Trauernde mit ihrem Schmerz und den Mühen des Neubeginns alleingelassen sind. Diejenigen, die Unterstützung benötigen, so unsere Annahme, haben in der Regel nicht die Kraft, sie sich selber zu suchen.

Aufgrund dieser Überlegungen haben wir im Ambulanten Palliativdienst (APD) des Hospiz Luise im Jahr 2004 begonnen, ein Konzept nachgehender Trauerbegleitung zu entwickeln. Damit wollen wir die Verantwortung wahrnehmen, die für uns daraus entsteht, dass wir von der häuslichen Situation sterbender Menschen und ihrer Angehörigen wissen. Eine hauptamtliche sozialpädagogische Mitarbeiterin mit einer entsprechenden Weiterbildung wurde im Rahmen einer halben Stelle mit der Projektleitung beauftragt.

Zunächst wurde ein Trauerüberleitungsbogen erstellt, den die Pflegenden nach Abschluss der Sterbebegleitung ausfüllen. Dieser Bogen enthält Informationen über Beginn und Ende der Begleitung, den Ort und den Verlauf des Sterbens, er nennt nahe Angehörige oder Freunde der/des Verstorbenen und wahrgenommene Risikofaktoren , z.B. Mehrfachverluste. Diese Bögen werden chronologisch abgelegt. Entsteht der Eindruck, dass jemand unmittelbar nach dem Tod eines Angehörigen Unterstützung benötigt, wird der Bogen sofort an die hauptamtliche Trauerbegleiterin übergeben. Ist dies nicht der Fall, so werden die Angehörigen nach ca. sechs bis acht Wochen und dann nach einem Vierteljahr von ihr angerufen. Ziel dieses Anrufes ist die Wahrnehmung der Situation der Trauernden und die Klärung, ob und welche weitere Unterstützung notwendig ist. Diese besteht bei Bedarf in der Verabredung weiterer regelmäßiger Anrufe, seltener in Hausbesuchen oder Gesprächen an einem neutralen Ort oder in der Vermittlung von therapeutischen Angeboten.

Stellt sich heraus, dass ein Bedarf an einer intensiveren mitmenschlichen Begleitung besteht, vermitteln wir einen Kontakt zu einem ehrenamtlichen Mitarbeiter. Unter dem Dach des Ambulanten Palliativdienstes hat sich eine Gruppe von siebzehn Ehrenamtlichen zusammengefunden, die sich dieser Aufgabe widmen wollen. Sie haben Erfahrungen in der ambulanten Sterbebegleitung und kennen daher die Situation von Familien, die zu Hause einen sterbenskranken Angehörigen betreuen. Einige haben den Verlust eines nahen Menschen selbst erlebt und wissen daher um die Nöte und Bedürfnisse von Trauernden. Sie haben sich im Rahmen eines Befähigungskurses (70 Unterrichtsstunden) auf diesen Dienst vorbereitet.

Für das vergangene Jahr 2006, in dem der APD 249 abgeschlossene Sterbebegleitungen zählte, liegen folgende Daten vor:

Im Rahmen des systematischen Nachgehens durch die hauptamtliche Mitarbeiterin gab es insgesamt 350 Kontakte, 194 Personen wurden kontaktiert.. In 156 Fällen blieb es bei einem einmaligen Gespräch, 62 Personen wurden durch wiederholte Kontakte begleitet. Die mehrmaligen Kontakte variierten von 2 bis 11. Dabei handelte es sich überwiegend um Telefonate (335) mit einer durchschnittlichen Dauer von 14 Minuten (Minimum 1 min., Maximum 89 min). Darüber hinaus fanden 15 persönliche Begegnungen (je 60 bis 90 Minuten) statt. Die absolute Begleitungszeit betrug 5919 Minuten = 99 Stunden.

 

Die Statistik der ehrenamtlichen Trauerbegleitungen gestaltet sich wie folgt: Es wurden 16 Personen betreut durch 34 Hausbesuche, 11 Besuche beim Begleiter zuhause, 30 außerhäusliche Begegnungen (Cafébesuche, Spaziergänge), 103 Telefonate, 4 e-mails, SMS. Insgesamt gab es 183 Kontakte. Die absolute Begleitungszeit umfasste 13874 Minuten = 231 Stunden. Im Durchschnitt dauerte ein Kontakt 75 Minuten, jede/jeder Ehrenamtliche begleitete im Mittel 23 Stunden.

 

Diese Zahlen bilden die konzeptionell gewollten Unterschiede zwischen ehrenamtlicher und hauptamtlicher Trauerbegleitung ab: Die ehrenamtliche Tauerbegleitung ist (zeit)intensiver, persönlicher, es gab Kontakte zu insgesamt 16 Personen mit einer Gesamtbetreuungszeit von 13874 Minuten, das ergibt 867 Minuten/Person. Das Ziel der hauptamtlichen Begleitung ist es, mindestens einmal mit jedem nahen Hinterbliebenen Kontakt aufzunehmen, das gelang in 194 Fällen. Die hauptamtlichen Kontakte waren überwiegend telefonisch (335 von 350), pro Person ergibt sich hier eine durchschnittliche Zeit von 30 Minuten/Person.

 

Die persönliche Begegnung spielt ist in der ehrenamtlichen Trauerbegleitung eine wichtige Rolle, allerdings gab es auch bei den Ehrenamtlichen relativ viele Telefonate (103). Dies unterscheidet vermutlich die ehrenamtliche Trauerbegleitung von der ehrenamtlichen Sterbegleitung. Geht es in der Sterbegleitung oft auch um „Daseinszeit“, um die Präsenz einer Person am Bett, geht es in der Trauerbegleitung um das Zuhören und Verstehen. Dafür ist manchmal ein regelmäßiges Telefonat eine bessere Form als ein Hausbesuch, ein Telefonat ist zeitlich besser zu „dosieren“, es kann unkompliziert beendet werden, während ein Besuch dem Besuchten die Gastgeberrolle zuschreibt, was Trauernde manchmal überfordert. So überwiegen bei den face-to-face Kontakten der Ehrenamtlichen die außerhäuslichen Begegnungen und Besuche beim Begleiter gegenüber den Hausbesuchen beim Trauernden (41 zu 34).

 

 

Der nachgehende Anruf der Hauptamtlichen, der oft von den Pflegenden im Voraus angekündigt war, wurde in nahezu allen Fällen gerne angenommen. Die Geste: „Nachdem alles erledigt ist, interessiert sich jemand dafür, wie es mir geht“ wurde als sehr wohltuend erlebt. Viele berichteten, dass erst nach einem halben Jahr die Mühen des Trauerweges erlebt wurden und die Trauer eigentlich erst begann und waren froh über kontinuierliche Unterstützung und Bestätigung. In etwa 40% der Fälle wurde deutlich, dass die Trauernden über ausreichend eigene innere und äußere Ressourcen verfügten und ihren Weg gefunden hatten. Bei den meisten der 60% mit wiederholten Kontakten erfolgte ein ein ein- bis zweimaliger monatlicher Anruf, bei ca.12% bestand die Begleitung in persönlichen Kontakten mit den Ehrenamtlichen oder der Hauptamtlichen.

 

Einen hohen Begleitungsbedarf hatten Eltern, die ein Kind im Sterben begleiten mussten, sowie Ehepartner, die in einer sehr ausschließlichen Beziehung gelebt hatten und Töchter, die ihre Mütter sehr intensiv im Sterben begleitet hatten.

 

Die Erzählungen der Trauernden zeigten sehr deutlich, dass sich eine hospizliche Begleitung des Sterbens sich sehr positiv auf den Weg der Hinterbliebenen auswirkte. Viele sagten, sie seien dankbar dafür, dass ihr Angehöriger zuhause sterben konnte und äußerten, sie hätten nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

 

Das bedeutet auch, dass die von uns angesprochene Gruppe der Trauernden in gewisser Weise doppelt privilegiert ist: Sie hatten kompetente Unterstützung während des Sterbeprozesses und werden auch danach noch wahrgenommen. Es stellt sich daher die Frage, wie Menschen ihren Weg finden, deren Angehörige plötzlich, gewaltsam oder unter sonstigen schwierigen Umständen ohne die Möglichkeit des Abschiednehmens sterben. Wer sieht sie und fragt, wie es ihnen geht?

 

Diese Überlegungen haben uns dazu geführt, unser Angebot auch für nicht von uns begleitete Angehörige zu öffnen und den Kreis der ehrenamtlichen Trauerbegleiter zu erweitern.

 

Die pflegenden Kollegen des APD – Teams erleben die nachgehende Trauerbegleitung als Entlastung. Sie können die Sterbebegleitung direkt nach dem Tod beenden und haben die Möglichkeit, Angehörige, die Unterstützung benötigen und nachfragen, weiter zu verweisen. Außerdem bekommen sie nach vier bis sechs Monaten eine Information, wie es den Angehörigen ergangen ist, das kann eine Hilfe sein die Begleitung innerlich abzuschließen. Durch dieses Feedback können auch neuen Ideen darüber entstehen, was in der Sterbebegleitung für den Trauerweg der Angehörigen hilfreich sein kann.

 

 

 

Kontakt: Ambulanter Palliativdienst des Hospiz Luise

Ute Reimann, Tel.: 0511/ 52 48 76 14 (Di – Do)




 

 

Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages (Jörg Zink)

Eine Mitarbeiterin des Hospiz Luise fuhr mit einer Gruppe Trauernder im Winter nach Nordnorwegen

Eine kleine Gruppe von Trauernden trat im Februar eine ungewöhnliche Reise unter der Obhut einer erfahrenen Hospizmitarbeiterin an.

Mit einem Reisebüro als Partner wurde eine vierzehntägige Reise konzipiert, die als Kernstück eine Rundreise mit dem norwegischen Postschiff „Hurtigruten“ von Bergen nach Kirkenes und zurück nach Trondheim enthielt. Anhand des Schiffsfahrplans und nach Erkundigungen über das Wetter, den Nachthimmel und die Wahrscheinlichkeit der Sichtbarkeit des Polarlichts wurde ein Zeitraum Ende Januar, Anfang Februar für diese Reise festgelegt. In dieser Zeit kommt die Sonne auch nördlich des Polarkreises wieder über den Horizont, die Polarnacht ist vorüber und es gibt bereits ca. fünf Sonnenstunden am Tag.

Die Reise startete einem frühen Januarmorgen mit neun Personen auf einem Bahnsteig in Hannover mit dem Ziel Kirkenes. Unterwegs stiegen drei weitere Mitreisende dazu. Durch das gemeinsame Zugfahren gab es schnell und unkompliziert erste nähere Kontakte untereinander. Bei der Zwischenübernachtung in Oslo bot sich die Gelegenheit, sich im Zurechtfinden in einer fremden Stadt mit fremder Währung und Sprache auszuprobieren. Unsicherheit in ungewohnten Situationen ist gemeinsam leichter zu bewältigen und es tröstet, zu erleben, dass auch andere Menschen in einer fremden Umgebung die Orientierung verlieren können.

Nach einer Zugfahrt quer durch das verschneite Norwegen erreichte die Gruppe ihr erstes Ziel: das Postschiff.

Dort wurde der Tisch, an dem alle sich zu gemeinsamen Mahlzeiten verabredeten, zu einem festen Treffpunkt und unserem sicheren „Hafen“. Hier traf jeder auf vertraute Gesichter, auf Menschen, die um die eigenen Schwächen und Verletzlichkeiten wussten. Die Tischgespräche waren eher heiter und drehten sich um das manchmal schwankende Alltagsleben auf einem Schiff.

Tagsüber gab es verschiedene Angebote des Veranstalters, z.B. Ausflüge und Vorträge, die je nach Interesse wahrgenommen wurden. Einige verabredeten sich dabei, andere machten sich alleine auf den Weg. Das Schiff hielt mehrmals täglich und daher gab es viele Gelegenheiten zu unterschiedlichen Erfahrungen vom Wodkatrinken in der Eisbar bis zur Fahrt mit Schlittenhunden im Schnee. Die Landschaft, an der das Schiff vorbeizog und die lange, sich in vielen zarten Pastellfarben zeigende Dämmerung, die man von vielen Plätzen im Schiff und vom offenen Deck aus beobachten konnte, waren so beeindruckend, dass sich niemand ihrem Zauber entziehen konnte. Jenseits des Polarkreises erschienen am Abendhimmel die ersten erhofften Polarlichter. Bald hatte jede/jeder Gruppenteilnehmer/in viele faszinierende Momente erlebt, in denen nur noch die Gegenwart zählte.

Nach dem Abendessen wurden Gruppengespräche in einem geschützten Raum angeboten. Hier und in vielen unterschiedlichen Begegnungen war Zeit und Raum für individuelles Trauererleben.

Das Ziel dieser Reise war nicht ausschließlich die Trauerverarbeitung, sondern das Ausprobieren neuer Schritte in ein Leben ohne den verstorbenen Angehörigen. Bei einem Treffen vier Wochen nach der Rückkehr berichteten alle, dass sie diese Reise als ein Wendepunkt in der Trauer erlebt hatten.

So wurde der Ausspruch von Mascha Kaléko:

„Die Nacht, in der das Fürchten wohnt,
hat auch die Sterne und den Mond.“

für die Reisenden zu einer ganz konkreten Erfahrung.

 

Weitere Informationen dazu bei:
Ute Reimann
Hospiz Luise, Brakestr. 2d
30559 Hannover
Ute.Reimann@Hospiz-Luise.de